Springfield: Autos, Boote, echte Kerle

Nachdem uns der letzte Teil dieser Analyseserie trotz ein, zwei kleinerer Verirrungen sicher durch das Regex-Labyrinth geführt hat, ist die Zeit gekommen das rostige Ortsschild samt seinem Willkommensgruß hinter uns zu lassen und uns daran zu machen, die weitere Erkundungstour zu planen. Für diese und ähnliche Unternehmungen rangiert Moe’s Bar unter Insidern als die erste Anlaufstelle (analyse)durstiger Vagabund*innen. Und das aus gutem Grund. Denn neben dem kühlsten Duff der Stadt findet sich in dieser Kaschemme – versteckt unter dem kleinen Abstelltisch rechts vom Herrenklo – auch eines der rar gewordenen Expemplare der Springfielder Stadtchronik. Für all jene, die sich nicht davor scheuen, die fluffige Staubschicht vom angeranzten Einband zu wischen, der perfekte Ausgangspunkt, um unsere kleine Expedition vorzubereiten. Abseits der unübersehbaren Vorzüge bietet diese moschusgetränkte Spelunke in kleinem Rahmen übrigens auch die Chance eine ungefilterte Prise Kleinstadtluft zu schnuppern. Aber alles der Reihe nach. Erstmal bestellen.

Ein paar Duff zu viel und schon scheint es mitunter, als wäre die Welt früher einfach besser gewesen. Meist ein recht trügerischer Schluss. Ohne Lug und Trug, ohne lange zu zögern und ohne auch nur an meinem Glas genippt zu haben, lässt sich für Springfield aber genau diese Einschätzung teilen. So verdeutlicht ein kurzer Blick auf die abgebildeten Zuschauer*innenzahlen der USA die rapide Talfahrt, mit der die Kleinstadt seit der dritten Staffel kämpft. Nachdem die Zahlen bis 2000 in den Keller rasselten, zeichnete sich mit den Staffeln zwölf und 13 über eine halbe Dekade hinweg eine kurze Stabilisierungsphase ab, die jedoch seit 2005 den ursprünglichen Abwärtstrend in abgeschwächter Form fortsetzt. Dass dieser Einbruch nicht allein auf den allgemeinen Rückgang der Zuschauer*innenzahlen in den USA rückführbar ist, lässt auch ein Blick auf die Imdb-Bewertung einzelner Folgen im selben Zeitraum vermuten. Hier zeigen sich zwei Rating-Plateaus, die unterschiedliche Phasen kennzeichnen: goldenen Zeiten mit einer Horde wohlwollender Rezipient*innen bis 1995 sowie im Anschluss daran eine Phase deutlich kritischerer Zuschauer*innen. Interessant ist, dass der Rückgang der Zuschauer*innen in den Bewertungen bereits etwas vorweggenommen zu sein scheint.

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Kommen wir demnach schon zu spät und Springfield hat nicht mehr zu bieten, als die wöchentlichen Parademärsche zum Gedenken an bessere Zeiten? Für einen touristischen Sonntagsausflug mag das durchaus zutreffend zu sein. Um spannende Forschungsfragen sprießen zu lassen, war die Krise andererseits schon seit jeher das beste Düngemittel. Blättern wir also erst einmal um, bevor wir desillusioniert das Handtuch werfen und erfahren etwas über die relevantesten Bewohner*innen dieses Örtchens.

Als relevant werden in der Chronik jene Charaktere angeführt, die wesentlich zum Umfang des gesamten Skripts beitragen und demnach die meisten Worte sprechen. Dass diese Perspektive auch einige Unzulänglichkeiten mit sich bringt, wird sich noch zeigen. Als erster Anhaltspunkte für das weitere Forschungsprojekt sollte die nachfolgende Grafik aber allemal taugen.

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Wenig verwunderlich gibt die Kernfamilie der Simpsons hier den Ton an. Allen voran Homer Simpson mit etwa 275.000 gesprochenen Worten seit der ersten Serienminute. Deutlich hinter ihm findet sich der Rest der Familie ein: Marge, Bart und Lisa. Die Schnuller nuckelnde Maggie – in meiner Erinnerung nicht weniger präsent, als der Rest der Truppe – scheint Opfer unserer Relevanzdefinition geworden zu sein. Unabhängig davon sind die Simpsons damit zusammen aber für etwas mehr als die Hälfte der gesprochenen Worte im Skript verantwortlich. Weit abgeschlagen eröffnen Mr. Burns (mit etwa 35.000 gesprochenen Worte), Moe und Rektor Skinner das Spitzenfeld der Nebendarsteller*innen. Um bei diesem Ungleichgewicht der Repräsentation nicht eine ganze Kleinstadt einer einzelnen Familie unterzuordnen, werden in den folgenden Betrachtungen die Simpsons weitgehend außen vorgelassen.

Durchbruch in die zweite Dimension

Strukturieren wir unsere Wahrnehmung vor diesem Hintergrund also nochmal etwas um. In Anbetracht der langen Seriengeschichte schupst die bisherige Relevanzdefinition nur jene Akteur*innen auf die Bühne, die seit mehr als 25 Jahren eine konstant hohe Wortpräsenz aufweisen. An sich gar nicht so falsch. Andererseits dann eben doch ein wenig zu eindimensional. Etwas differenzierter lässt sich die Relevanz der Darsteller*innen da schon fassen, richten wir den Blick nicht auf das gesamte Sprechvolumen, sondern auf den durchschnittlichen Sprechanteil je Folge, in der die Akteur*innen in Erscheinung treten. Um dabei auch der allgemeinen Präsenz der Charaktere Rechnung zu tragen, lässt sich dieses durchschnittliche Sprechvolumen mit der Häufigkeit des Auftretens in Beziehung setzten.

Da sich bei den durchschnittlichen Sprechanteilen je Folge eine sehr schiefe Verteilung zeigt, in der eine Vielzahl der Protagonist*innen mit niedrigem Sprechanteil einer handvoll Personen mit sehr hohem Sprechanteil gegenüberstehen, kam eine log-Transformation zur Anwendung, die das Feld etwas dichter zusammenrücken lässt. Um die unterschiedlichen Einheiten (Episodenanzahl und durchschnittilch gesprochene Worte) besser zueinander in Beziehung setzen zu können, wurde die Verteilung beider Variablen abschließend standardisiert. Um den Nullpunkt gruppieren sich demnach Akteur*innen mit durchschnittlicher Serienpräsenz und durchschnittlichem Sprechanteil.

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Folgen wir dieser Perspektive entfaltet sich vor uns ein Feld mit vier Quadranten. Mit etwas Mut lässt sich jeder dieser Quadranten als Personengruppe beschreiben, die je nach ihrer eigenen Logik, eine bestimmte Funktion für die Dynamik der Geschichte übernehmen und damit in ihrer spezifischen Art und Weise relevant für die Serie sind.

  1. Statist*innen (links unten): treten selten in Erscheinung und haben auch nicht viel zu sagen. Mit ihrer Masse füllen sie Seitengassen und Textlücken. Vertreter*innen dieser Gruppe sind Dolph, Judge Snyder oder the rich texan.
  2. Mitläufer*innen (links oben): zeigen wortkarge Präsenz und bleiben im Gedächtnis. Lenny, Carl und Ralph reihen sich in diese Gruppe ein.
  3. B-Promis (rechts oben): treten häufig in Erscheinung und plaudern gern. Bekanntere Exponent*innen sind Mr. Burns, Moe oder Rektor Skinner.
  4. Special Guests (rechts unten): betreten nur selten die Bühne. Dann aber mit einem Schwall an Worten. Herb, Sideshow Bob oder Troy McClure lassen sich hier verorten.

Die Frauen von Springfield

Nachdem wir nun ein gewisses Gespür für die allgemeine Lage im Krisenstädchen Springfield entwickelt haben. Sollten wir nochmal kurz zurückblättern und unsere Aufmerksamkeit den unterschiedlichen Farbklexen in den bisherigen Abbildungen widmen. Neben der Relevanz einzelner Charaktere scheint auch das allgemeine Geschlechterverhältnis Anknüpfungspunkte für die ein oder andere Frage zu bieten. Bei genauerer Betrachtung lassen sich unter den Top 50 Nebenrollen etwa lediglich vier blaue Punkte zählen, die sich noch dazu nah um den Nullpunkt sammeln. Wohnen in Springfield demnach nur Männer oder haben Frauen hier einfach nichts zu sagen? Glücklicherweise hält die Stadtchronik auch hierzu die ein oder andere Info für uns parat.

Springfield scheint tatsächlich einen erstaunlich geringen Frauenanteil aufzuweisen. Weniger als 25% aller Akteur*innen sind weiblich. Bezogen auf alle Darsteller*innen entsteht dabei der Eindruck, als seien die wenigen Frauen zumindest ihrem Sprechanteil nach leicht überrepräsentiert. Ein Trugschluss, der lediglich der zentralen Stellung der Simpsons geschuldet ist. Die nicht ganz so krasse Unterrepräsentation weiblicher Familienmitglieder verschleiert dabei das vielfach stärkere Ungleichgewicht im restlichen Ortskern. Marge und Lisa, die zusammen für 80% aller weiblichen Sprechbeiträge verantwortlich sind, liegen mit einem Redeanteil von 40% innerhalb der Familie nur etwa 10% unter dem erwartbaren Soll. Die restlichen Frauen der Stadt tragen demgegenüber aber nur zu 10% des gesamten Textkorpus bei. Vor diesem Hintergrund ist es auch nicht weiter erstaunlich, dass die prominenteste Nebendarstellerin erst an Stelle 17 aller Nebennrollen aufscheint: Edna Krabappel-(was?-wann-haben-denn-die-geheiratet-)Flanders.

Dass weibliche Charaktere nicht erst seit kurzem die Stadt verlassen haben, sondern hier noch nie wirklich Fuß fassen konnten, zeigt auch ein Blick auf die historische Bevölkerungsentwicklung.

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Lediglich in einer Episode der gesamten Seriengeschichte lag der Frauenanteil bei 50%. Auf niedrigem Niveau scheint dieser mickrige Anteil sogar leicht rückläufig zu sein. Der Verdacht, der Anteil weiblicher Darstellerinnen könnte mit dem Anteil weiblicher Autorinnen zusammenhängen, erhärtet sich allerdings nur bedingt. Dass Frauen aber auch in diesem Bereich klar unterrepräsentiert sind, zeigt sich daran, dass weibliche Autorinnen ihre Kreativität nur bei 8% aller Folgen ins Skript einbringen konnten. Die zehn Episoden mit dem höchsten Anteil an Akteurinnen, sind die folgenden:

Rang Titel Ausstrahlung Anteil weiblich
1 Treehouse of Horror 1990-10-25 50,0%
2 Blame It on Lisa 2002-03-31 45,5%
3 Life on the Fast Lane 1990-03-18 44,4%
4 Goo Goo Gai Pan 2005-03-13 43,8%
5 Moonshine River 2012-09-30 41,2%
6 Lard of the Dance 1998-08-23 40,9%
7 I Married Marge 1991-12-26 40,0%
8 „All Singing, All Dancing“ 1998-01-04 40,0%
9 Homer Scissorhands 2011-05-08 40,0%
10 Sleeping with the Enemy 2004-11-21 38,9%

Skeptiker*innen könnten – nach einem kurzen Blick auf die Top 10 – mutmaßen, Folgen mit hohem Frauenanteil drehten sich um Liebe, Sex und Tanz. Diese These bedarf wohl aber noch einer näheren Untersuchung. Blättern wir also ein letztes Mal um und sehen, was die Chronik dazu zu sagen hat. Während wir unsere Beobachtungsfenster bisher weitgehend entlang der zeitlichen Achse geöffnet haben, lohnt es sich auch dem Raum – mit seinen zahlreichen Anknüpfungspunkten für klassische Rollenbilder – eine gewisse Aufmerksamkeit zu schenken. Anders gefragt: wo verstecken sich in Springfield die Frauen?

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Besonders stark weiblich konnotierte Räume sind – gemessen an der Abweichung vom durchschnittlichen Frauenanteil über alle Räume hinweg – das Tanzstudio, die Schule sowie Marges Schlafzimmer. Besonders männlich konnotierte Räume sind demgegenüber Homers Auto, ein Boot und das aztekische Theater.

Sperrstunde

Nachdem Moe seit längerem schon etwas ungeduldig zu uns rüber äugt, ist es nun wohl an der Zeit, die Chronik beiseite zu legen und unsere Zeche zu begleichen. Den ein oder anderen Anhaltspunkt für unsere nächste Erkundungstour konnten wir jedenfalls sammeln.

  1. Wie wir gesehen haben, kommmt den Simpsons in Springfield eine nicht zu unterschätzende Bedeutung zu.
  2. Gleichzeitig konnten wir beobachten, dass der Sprechanteil einzelner Akteur*innen für sich genommen nur ein unzureichendes Maß für Relevanz zu sein scheint. So entfaltet sich die Dynamik der Geschichte erst durch eine Mischung aus Hauptdarsteller*innen, tragenden Nebenrollen und special guests, die mitunter wieder etwas Schwung in den tristen Serienalltag bringen. Um diese Gruppen identifizieren zu können, hat sich die Gegenüberstellung des durchschnittlichen Sprechanteils je Folge mit der Häufigkeit des Auftretens (gemessen an der Anzahl an Episoden mit Bildschirmpräsenz) bewährt.
  3. Sowohl in die Autor*innenschaft, als auch in der allgemeinen Bevölkerung Springfields sind Frauen klar unterrepräsentiert. Nebendarstellerinnen sind so lediglich für 10% des gesamten Skripts verantwortlich. Zur Marginalisierung der Frauen nach Anzahl der Charaktere und nach Anzahl der gesprochenen Worte, gesellen sich zudem Anknüpfungspunkte für klassische Rollenbilder. Frauen sind Räume wie das Tanzstudio oder die Schule zugewiesen. Männer tummeln sich hingegen in Autos und auf Booten oder im kriegerisch angehauchten, aztekischen Theater. Selbstverständlich haben wir bisher aber nur die grundsätzliche Struktur ins Auge gefasst. Wie der Text auf diese Struktur Bezug nimmt, bleibt vorerst offen und wäre ein spannender Anknüpfungspunkt für weitere Analysen.

Diese Ergebnisse im Hinterkopf spüren wir im abschließenden Teil dieser kleinen Analysereihe der Relevanz einzelner Charaktere aus netzwerkanalytischer Perspektive nach und versuchen die Eigenart ausgewählter Darsteller*innen und Räume auch anhand ihrer inhaltlichen Dimension detaillierter herauszuarbeiten. In dem Sinn genießen wir jetzt erst noch unseren letzten Schluck und starten in den Feierabend.

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