Springfield: Bettgeflüster

Dem Regex-Labyrinth nur mit knapper Not entflohen und durch Moe persönlich dem kuscheligen Warm seiner Taverne entrissen, stand ich nun da. Vom kalten Herbstwind umarmt, müde und allein – in einer der schmutzigen Seitenstraßen dieser krisengebeutelten Stadt. Das einzige Hotel in der Gegend schmückte Fenster und Türen schon seit Jahren mit wurmdurchfressenen Holzbrettern und auch die Gastfreundschaft der Einwohner*innen hier ließ klar zu wünschen übrig. Was lässt sich andererseits aber auch erwarten, wenn mensch mitten in der Nacht an fremde Schlafzimmerfenster klopft und den entsetzten Gesichtern beim Blick durch die Scheibe die Bitte um eine warme Bettstatt offenbart? Zweifellos ein holpriger Start in eine ungezwungene Konversation. Andererseits – was wäre Feldforschung schon ohne ihre Fehltritte? Und so nutzte ich – vom Sirenenklang der herannahenden Polizei begleitet – diese Fettnäpfchen, um das Getriebe meiner Analysemaschinerie erst mal ordentlich zu schmieren.

Die scheinbare Intimität unserer Schlafzimmer liefert – nicht ganz unerwartbar – eine wundervolle Gelegenheit Menschen mal etwas besser kennen zu lernen. Das hier Gemunkelte dürfte in vielen Fällen zwar nicht für die gesellschaftliche Vorderbühne bestimmt sein, vermutlich gerade deswegen lässt sich diese aber mit Beharrlichkeit nicht von der Bettkante stoßen. Da ich nun schon mal hier war, beschloss ich in alter Forscher*innenmanier dem vorgegebenen Pfad der Gesellschaft zu folgen und notierte, Block und Stift im Anschlag, hastig jeden Wortfetzen, der zwischen meinen Fensterklopfern bis an mein Ohr vordrang. Zugegeben. Mitunter hätte ich mich während meines Studiums mehr mit Forschungsethik und weniger mit Stenographie beschäftigen sollen, aber dafür war es nun auch schon zu spät. Und seien wir mal ehrlich: hier handelt es sich ja dann schlussendlich doch auch nur um Comic-Figuren. Also weiter in der Analyse.

Um das Spezifische der jeweiligen Schlafzimmergespräche vom allgemeinen Hintergrundrauschen befreien zu können, bediente ich mich des Konzepts der Term Frequency Inverse Document Frequency – kurz TF-IDF. Was auf den ersten Horcher noch etwas kryptisch klingt, ist eigentlich ein sehr intitives Konzept der Textanalyse, um die zentralen Themen eines Dokuments herausarbeiten zu können: im ersten Schritt werden dazu alle Worte je Dokument/Schlafzimmer nach ihrer Häufigkeit ausgezählt. Da Worte wie der, die, das, um, zu etc. aber in den verschiedensten Kontexten sehr häufig verwendet werden und daher wenig zum spezifischen Inhalt eines Dokuments beitragen, gilt es diese Worte in ihrem Bedeutungsgewicht zu reduzieren. Genau das leistet – in einem zweiten Schritt – die Inverse Document Frequency. Anders gesagt: Worte, die recht häufig an einem bestimmten Ort verwendet wurden, an anderen Orten jedoch nicht, wertete ich als besonders ortsspezifisch und versah sie mit einem höheren Gewicht.

Sofern das Konzept funktioniert, sollte ein kurzer Blick auf meine hastig protokollierten Schlafzimmernotizen nun also jene zehn Worte zum Vorschein gebracht haben, die die einzelnen Räume und ihre Bewohner*innen möglichst gut charakterisieren (vgl. Abb. 1):

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Abb. 1

Während Apu und Manjula diesen intimen Raum nutzen, um in ihrer arrangierten Ehe über Nähe, das Eheleben im Allgemeinen und Familie zu diskutieren, dreht sich bei den Flanders alles um Jesus, Religion und die Kirche. Auch wenn – zugegebener Maßen – dem obligatorischen okily dokily hier im elterlichen Schlafzimmer dann doch ein etwas lüsterner Unterton innewohnt. Seiner progressiven Auslegung der Bibel (Matthäus 19:19: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“) nach zu urteilen, sollte Reverend Lovejoy für die fleischlichen Bedürfnisse des Schlafgemachs bei der nächsten Beichte aber wohl Verständnis zeigen. Weit weniger himmlisch scheinen sich demgegenüber die Nächte im Schlafzimmer von Milhouse zu gestalten. Mir ist zwar nicht bekannt, ob der Teufel schwimmen kann, den aufgezeichneten Schreien nach zu urteilen scheint der arme Junge im Dunkel seines Zimmers aber vom Leibhaftigen Piranha selbst heimgesucht zu werden.

Ob auch Lenny schwer mit der Dunkelheit in seinem Zimmer umgehen kann und darum auf die Helligkeit eines ordentlichen HD-TV setzt oder ob er den technologischen Fortschritt eher als Substitut für ein klassisches Liebesleben begreift, ließ sich durch meine kurze Beobachtung leider nicht umfassend klären. Ebenso blieb mir unerschlossen, in welcher Reihenfolge Pornos, Kokosnüsse und Creme beim berühmten Schauspieler Wolfcastle zum Einsatz kommen und weshalb dem Begriff der Heterosexualität dabei eine so zentrale Stellung eingeräumt wird.

Von Kokosnüssen war bei den Simpsons jedenfalls keine Rede. Die Laute, die aus Homers und Marges Zimmer drangen, ließen die Nachbar*innen aber noch Tage später hinter vorgehaltener Hand über die Hecken hinweg tuscheln: Intimität, Eunuchen, Manjula, Sex und Matratzen vermitteln in ihrer Begrifflichkeit schnell den Eindruck eines recht „wortgewaltigen“ Ehelebens. Etwas stiller ging es im Vergleich dazu bei Marges Schwestern – Patty und Selma – zu. Aber wem würde es nicht die Sprache verschlagen, würde sie*er von Richard Dean Anderson aka MacGuyver ins Reich der Träume begleitet werden?

MacGyver, Mord und Babywindeln

Nach diesem ersten, nicht nur sinnbildlichen, Blick hinter die Kulissen, schien es an der Zeit, die derart gesammelten Eindrücke durch weiteres Datenmaterial anzureichern und ausgewählten Charakteren im Interview genauer auf den Zahn zu fühlen (vgl. Abb. 2).

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Abb. 2

Dass Patty und Selma eine gewisse Obsession mit MacGyver zu teilen scheinen, ließ schon der erste Schritt unserer Analyse vermuten. Unklar scheint demgegenüber zu sein, ob diesem personifizierten Liebesideal oder doch eher der Selbstkettung an die anderen Familienmitglieder die Verantwortung für die Sabotage ihrer kurzen Beziehungen mit Troy und Veronica zuzusprechen ist. Ganz allgemein scheinen Springfields Einwohner*innen jedenfalls von einer gewissen Personenfixiertheit geprägt zu sein. Während Sideshow Bob in unserem Gespräch seine Hasstirade über Bart und Krusty nur kurz unterbrach, um sich den Geifer aus den Mundwinkeln zu wischen und die rechtlichen Folgen seiner Rachepläne zu reflektieren, ließ sich die bedingungslose Abhängigkeit des mächtigsten Greisen Springfields, Montgomery Burns, von seinem ergebenen Handlanger Simthers keine Sekunde verbergen. Dass sich Barneys Leben im Vergleich dazu als dreifaltige Abhängigkeit, bestehend aus Moe, Homer und Bier, beschreiben lässt, wurde mir spätestens klar, als er zum zweiten Mal einen Schluck Duff in den Kaffee schüttete, den ich ihm kurz zuvor als kleinen Wachmacher spendiert hatte.

Um der Frage nachzuspüren, warum Homer in den Erzählungen aller Befragten so eine zentrale Stellung einnimmt, beschloss ich eine Reihe von Interviewterminen mit der Kernfamilie der Simpsons zu vereinbaren. Die Gespräche halfen zwar nicht wirklich dabei diesem Phänomen auf den Grund zu gehen, dafür lotsten sie mich aber wieder auf die verloren geglaubte Fährte alt bekannter Muster. Schon in der letzten Analysereihe zeigte sich eine krasse Unterrepräsentation der weiblichen Stadtbevölkerung Springfields gemessen am Bevölkerungs- und Sprechanteil. Dieser Eindruck verdichtete sich nun auch auf einer inhaltlichen Ebene. Vergleichen wir die sprachlichen Schwerpunkte der einzelnen Akteur*innen, lässt sich zeigen, dass Homer und Bart – im Gegensatz zu Marge und Lisa – ein deutlich breiteres, außerfamiliäres Sprachspektrum bedienen. Während Marge acht der zehn charakteristischsten Begriffe direkt für die Familie reserviert, sind es bei Homer nur drei. Gleichzeitig kommt das jüngste Familienmitglied – Maggie Simpson – im Sprachgebrauch der Männer praktisch nicht vor. Reproduktionsarbeit scheint auch in Springfield nach wie vor Frauensache zu sein.

1 Absatz, 10 Worte, 22 Minuten

Bevor wir diese kurze Rundschau abschließen und versuchen die emotionale Verfasstheit der Springfielder*innen etwas klarer herauszuarbeiten, treten wir nochmal einen Schritt zurück und prüfen, welchen Beitrag die gewählte TF-IDF-Analysestrategie bei der Erfassung etwas komplexerer Handlungsstränge leisten kann. Während bisher versucht wurde, den Charakter einer Person bzw. eines Raums über die zehn spezifischsten Worte zu erschließen, soll nun versucht werden, das Geschehen einer ganzen Episode – 22 Minuten Skript – auf zehn Worte zu reduzieren. Ein recht gewagtes Unterfangen, das aber – Achtung: Spoiler-Alarm – verwunderlich gut funktioniert. (vgl. Abb. 3)

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Abb. 3
It’s a Mad, Mad, Mad, Mad Marge

In dieser Episode trifft Otto Becky und will sie im Garten der Simpsons heiraten. Aus der Hochzeit wird dann aber doch nichts und Becky bleibt vorerst bei den Simpsons wohnen. Nach kurzer Zeit hegt Marge den Verdacht, dass Becky ihr die Position in der eigenen Familie streitig machen und sie – durch das Durchtrennen der Bremskabel an ihrem Auto – um die Ecke bringen will.

Itchy & Scratchy Land

Die Simpsons fahren in dieser Folge auf Urlaub ins Itchy & Scratch Land. Nachdem Homer und Bart sich hier ordentlich austoben und einen Animateur nach dem anderen bloßstellen, wandelt sich der harmlose Familienausflug in einen Aufstand wild gewordener, gewalttätiger Roboterhorden.

Lisa the Greek

Auf der verzweifelten Suche nach Homers Anerkennung, findet Lisa über die Vorhersage von Footballergebnissen zwischen verschiedenen Teams den Weg ins Herz ihres Vaters.

Im Wechselbad der Gefühle

Um abseits der reinen Inhalte auch ein Gespür für die emotionale Verfasstheit der einzelnen Charaktere bzw. für die Stimmung in ausgewählten Stadtteilen zu erhalten, nahm ich mir kurz die Zeit, die aufgezeichneten Redebeiträge mittels AFINN- und NRC-Score abzugleichen. Beides sind im Grunde Lexika, in denen sich der emotionale Gehalt einzelner Worte nachschlagen lässt.

AFINN-Lexikon

Das AFINN-Lexikon umfasst knapp 2.500 Worte, deren positiver/negativer Gehalt seinen Ausdruck in einer Skala von -5 bis +5 findet. Um die Positivität bzw. Negativität im ortsüblichen Sprachgebrauch bestimmen zu können, wurden lediglich jene Worte berücksichtigt, die im AFINN-Lexikon aufscheinen. Nachdem diesen der entsprechende Wert zugeordnet wurde, wurden alle Werte aufsummiert. Ein kurzer Blick auf die Ergebnisse verdeutlicht, welche Orte Besucher*innen dieser Kleinstadt besser meiden sollten und wo es sich in recht guter Stimmung aushalten lässt. (vgl. Abb. 4)

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Abb. 4

Orte, die von überwiegend negativen Vibes in der Sprache der Akteur*innen charakterisiert zu sein scheinen, sind demnach v.a. das Auto der Simpsons, der Gerichtssaal, die Polizeistation, das Klassenzimmer und das Büro von Rektor Skinner. Wer schon einmal in Wien bei grün-blinkend als Fußgänger*in über den Zebrastreifen zu huschen versuchte und dabei von der Huplawine freundlicher Autofahrer*innen überrollt wurde, dürfte sich über dieses Ergebnis kaum wundern. Auch der Umstand, dass autoritäre, gesellschaftliche Zwangsapparate nur sehr wenig mit einem freundlichen Bürger*innenservice gemein haben, sollte nicht in all zu großes Staunen münden. Passend dazu pellt sich dann auch aus dem Sprachgebrauch der Springfielder*innen die Freizeit als das Andere zu Zwang und Alltag heraus. Demgemäß sind im Heim der Simpsons, im Atomkraftwerk (wer schon mal eine Episode der Simpsons gesehen hat, versteht vielleicht, weshalb dieser Arbeitsplatz in die Kategorie Freizeit fällt), am Pausenhof und in Moes Taverne auch weitgehend positive Worte zu vernehmen.

NRC-Lexikon

Eine ähnliche Strategie wurde durch die Verwendung des NRC-Lexikons verfolgt. Das Wörterbuch beschränkt sich im Gegensatz zur AFINN-Score nicht lediglich auf die positive/negative Einordnung einzelner Begriffe, sondern versucht die Worte gleichzeitig auch noch bestimmten Emotionen wie Freude oder Wut zuzuordnen. Dabei wird allerdings auf eine Skalierung verzichtet. Für das Englische umfasst das Lexikon gut 14.000 Einträge. Nachdem ich den einzelnen Worten im Skript ihre emotionale Kategorie zugeordnet hatte, galt es nur noch den Anteil bestimmter Emotionen am gesamten Sprechakt einer Person bestimmen.(vgl. Abb. 5)

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Abb. 5

Betrachten wir das Ergebnis dieser Zuordnung, scheint die emotionale Kongruenz zwischen Sideshow Bob und Bart Simpson eines der auffälligsten Ergebnisse zu sien. Das Sprechverhalten beider Charaktere ist in ähnlichem Ausmaß geprägt von Wut, Angst, Traurigkeit und fehlender (Vor-)Freude. Und tatsächich – lassen wir die ein oder andere Episode an unserem inneren Auge vorbeiziehen, zeigen sich auch im Handlungsgeschehen zahlreiche Parallelen: beide Charaktere sind in die Ungunst ihrer „Eltern“ (Homer/Marge bzw. Krusty) gefallen und stehen im Schatten ihrer nahezu perfekten „Geschwister“ (Lisa bzw. Sideshow Mel). Vor dieser Ausgangslage kämpfen beide nun mit chronischen Grenzüberschreitungen um die einzige Form der Anerkennung, die die Gesellschaft für solche Gestalten zu bieten hat: Nachsitzstunden im Klassenzimmer bzw. im Hochsicherheitstrakt des örtlichen Gefängnisses.

Neben diesen beiden Stadtrebellen ist aber Barney Gumble die eigentlich tragische Figur der Serie. Im Gegensatz zu den beiden anderen Charakteren manifestiert sich seine Devianz nicht in einem Überschwappen der Gefühle. Ganz im Gegenteil. Barney wirkt eher apathisch-sediert. Das hat mitunter etwas damit zu tun, dass er sich seinen Kaffee mit Duff verfeinert, aber wie so oft würde eine solche Erklärung zu kruz greifen. Bevor Barney von Homer zum Trunksucht verführt wurde, war er ein junger Student, dem eine ganze Welt an Möglichkeiten zu Füßen lag. Dass es dann aber doch umgekehrt kam und er bald derjenige war, der sich auf allen Vieren von Zapfhahn zu Zapfhahn schleppen musste, dokumentiert sich auch in seiner Sprache: eine unscheinbare, latente Wut, das weitgehende Fehlen von Vorfreude, gepaart mit einer ausgeprägten Traurigkeit, dem Fehlen jeglichen Vertrauens und einer gewissen Furcht. Von der Zukunft scheint Barney schon so oft enttäuscht worden zu sein, dass er es mit dem Optimismus lieber gleich bleiben lässt. Demgegenüber gelingt es ihm aber durchaus sich über die kleinen Momente im Hier und Jetzt zu freuen – und sei es nur über einen halb leeren Sixpack Duff, den er an einer Straßenecke findet.

Höchst funktional und in keiner Weise deviant zeigen sich demgegenüber Marge Simpson und Ned Flanders. Wut und Traurigkeit sind im Sprachbild der beiden ein Fremdwort. Viel mehr sind ihre Erzählungen geprägt von einer beinah verdächtigen Unbeschwertheit, getränkt von Vertrauen und (Vor-)Freude. Für alle jene, die früher ebenfalls in den zweifelhaften Genuss gekommen sind sich mehr oder weniger (un-)freiwillig Desperate Housewives anzusehen, sollten an dieser Stelle die Alarmglocken schrillen. Und das zu Recht. Wie so oft trügt auch hier der erste Blick. Genaueres dazu aber später.

Tour durchs soziale Gewebe der Stadt

Um die bisher vorgestellten Charaktere in der Darstellung ihrer Individualität nicht verkümmern zu lassen und auch um der, bereits in der letzten Analysereihe aufgeworfenen, Frage der Zentralität nochmal etwas genauer nachzuspüren, beschloss ich mir meine letzten Stunden vor der Abreise aus Springfield damit zu vertreiben, mich den Stadtbewohner*innen an die Fersen zu heften und zu dokumentieren, wer hier wie oft, wo und vor allem mit wem ins Plaudern kommt.

Ziel dieses Vorhabens war es, ein Netzwerk zu erstellen. All jene Personen, die an einem gemeinsamen Ort in Erscheinung traten und deren Redebeiträge maximal 90 Sekunden voneinander getrennt waren, wurden dabei von mir als Gruppe gewertet. Innerhalb einer Gruppe unterstellte ich allen Aktuer*innen ungerichtete Beziehungen miteinander. Je häufiger zwei Akteur*innen in der selben Gruppen auftauchten, desto intensiver stufte ich deren Beziehung zueinander ein. Die nachfolgende (rein symbolische) Tabelle sollte diesen Gedanken kurz verdeutlichen:

Akteur*in Ort Startzeit Wortmeldung Gruppe
Bart Schule 0 1
Lisa Schule 80 1
Milhouse Schule 150 1
Rod Schule 300 2
Tod Schule 320 2
Rektor Skinner Skinners Büro 500 3
Bart Skinners Büro 510 3
Vom Durchtrennen der Fäden

Nach akribischer Dokumentation der Sprecher*innenwechsel war mein Notizheft bis zur letzten Seite vollgekritzelt und mein Bleistift nur noch mit den Fingerspitzen fassbar: 6.629 Akteur*innen standen hier – schwarz auf verwischt – in 50.764 Beziehungen und gruppierten sich in 162 eigenständigen Clustern (vgl. Abb. 6). Etwas unerwartet bot sich mir hier eine Datenfülle, die sich so auf die Schnelle am Busbahnhof nur schwer analysieren lässt. Die meisten Interaktionen in meinem Notizbuch schienen dabei Tagestourist*innen geschuldet. Mitglieder dieser Gruppe tauchten maximal in zwei Episoden auf, repräsentierten aber etwa 80% aller Knoten im Netzwerk. Derart betrachtet, war es auch nicht weiter verwunderlich, dass es sich – mit einer Dichte von 0,2% – insgesamt um ein äußerst loses Beziehungsgeflecht handelte. Da ich mir von diesen Akteur*innen aber keine all zu aufschlussreichen Erkenntnisse über das stadtinterne Sozialgefüge erwartete, beschloss ich kurzerhand meinen Radiergummi zu zücken und meine Notizen – quasi radikal – zu bereinigen: übrig blieben am Ende lediglich die 50 zentralsten Charaktere aus den fünf größten Clustern. Dadurch stieg die Netzwerkdichte innerhalb dieser Subgruppe sprunghaft an und lag bei etwa 90%. Anders gesagt kannte hier im Grunde jede*r jede*n (vgl. Abb. 7).

Vor der Reduktion auf die 50 zentralsten Charaktere, waren in den fünf größten Clustern noch 82,05% aller Akteur*innen zu finden. Einen kurzen Überblick zur Größenordnung sowie zum Charakter dieser Grupen, bietet die nachfolgende Tabelle:

Farbe Anteil Gesamt Anteil Top 5 Anteil 50 Charaktere Sphäre ausgewählte Vertreter*innen
Gelb 33,19% 40,45% 28,00% Familie Homer, Marge, Lisa, Bart
Blau 14,90% 18,17% 14,00% Arbeit Mr. Burns, Lenny, Moe
Grün 13,79% 16,80% 30,00% Schule Milhouse, Nelson, Rektor Skinner
Rot 11,93% 14,54% 14,00% Krusty The Clown Show Krusty, Sideshow Bob, Itchy, Scratchy
Braun 8,24% 10,04% 14,00% Öffentlichkeit Mayor Quimbly, Reverend Lovejoy, Chief Wiggum

Die Namensgebung der einzelnen Sphären schießt hier mitunter etwas übers Ziel hinaus und vermittelt eine Trennschärfe, die in dieser Reinform nicht gegeben ist. So hätte ich Otto nicht dem Cluster ‚Arbeit‘ sondern der ‚Schule‘ und Kent Brockman eher der ‚Öffentlichkeit‘ als der ‚Familie‘ zugeordnet. Ganz grundsätzlich und mit Blick auf den eigenen Alltag ergibt die Clusterung entlang dieser Sphären aber durchaus Sinn: eine Interaktionsmischung aus den Bereichen Bildung/Arbeit, Freizeit und öffentlicher Verwaltung. Neben der reinen Namensgebung ist hier aber auch interessant zu sehen, dass im Cluster ‚Familie‘ neben den Simpsons recht wenig zentrale Akeur*innen vertreten sind. Demgegenüber sind im Cluster ‚Schule‘ überproportional viele, einflussreiche Charaktere zu finden.

Spätestens an dieser Stelle drängt sich nun aber vermutlich die Frage danach auf, was denn einflussreiche Akteur*innen so ausmacht und nach welchen Kriterien die einzelnen Stadtbewohner*innen Opfer meines Radierwahns wurden. Meine neu entdeckte Leidenschaft dafür, aus den einzelnen Radierfusselbergen kleine Homer-Statuen zu kneten, mag eine notwendige, aber weder eine hinreichende, noch eine gut begründete Bedingung für das Ausmaß der Reduktion darstellen. Da ich selbst hier auch nicht viel mehr als ein Tagestourist war, beschloss ich eine Umfrage zu starten und mich bei der Selektion auf die allgemein vorherrschende Meinung im Feld zu stützen. Alle Befragten erhielten dabei eine Stimme, mussten diese aber auf all ihre Nennungen aufteilen. Wurde eine Person von einer anderen, sehr einflussreichen Person genannt, sprach ich dieser Nennung ein etwas stärkeres Gewicht für meine Entscheidung zu. Am Ende dieses Prozesses blieben so die – nach Pagerank ermittelten – 50 einflussreichsten Bewohner*innen übrig.

Dass Zentralität aber im Gegensatz zu diesem kleinen Umfragespiel auch aus netzwerkanalytischer Sicht alles andere als eine triviale Analysekategorie darstellt, verdeutlicht die nachfolgende Gegenüberstellung verschiedener Zentralitätsmaße:

Rang Degree Eigenvektor Pagerank Betweenness Closeness
1 Homer Simpson Homer Simpson Homer Simpson Bart Simpson Lisa Simpson
2 Marge Simpson Marge Simpson Marge Simpson Lisa Simpson Bart Simpson
3 Bart Simpson Bart Simpson Bart Simpson Marge Simpson Marge Simpson
4 Lisa Simpson Lisa Simpson Lisa Simpson Homer Simpson Pyro
5 Moe Szyslak C Montgomery Burns C Montgomery Burns Moe Szyslak Homer Simpson
6 C Montgomery Burns Moe Szyslak Moe Szyslak Grampa Simpson Voice 4
7 Seymour Skinner Ned Flanders Seymour Skinner Crowd Voice 3
8 Ned Flanders Grampa Simpson Ned Flanders Milhouse van Houten Voice 2
9 Milhouse van Houten Milhouse van Houten Milhouse van Houten Lenny Leonard Voice 1
10 Grampa Simpson Seymour Skinner Grampa Simpson Announcer Bumblebee Man

Dass in Springfield an jeder Ecke ein*e Simpsons lauert, wurde nun schon zur Genüge festgestellt. Wer in diesem Städtchen aber als wirklich zentral gelten kann, hängt – soviel lässt sich aus der kurzen Darstellung erkennen – dennoch ganz maßgeblich davon ab, was wir uns von unserem Aufenthalt hier erwarten. Wollen wir übers Wochenende in der Baracke des einstigen Hotels ein kleines Festival schmeißen, wären wir wohl gut beraten, die Top 10 nach Degree einzuladen: jene Leute also mit den meisten Interaktionen in der Stadt. Noch besser wäre es in einem solchen Fall aber vermutlich auf den Eigenvektor oder Pagerank zurückzugreifen, um sicherzustellen, dass nicht nur viele, sondern auch die richtigen Leute bei uns auftauchen und gleich noch ihre eigenen Freund*innen mitbringen. Mit den Simpsons, Mr Burns und Moe als Zugpferde kann da eigentlich nicht mehr all zu viel schiefgehen.

Sind wir mehr an den dunklen Seiten der Stadt interessiert, an den Leichen, die hier in Springfields Kellern begraben liegen, führt kein Weg an Bart und Lisa vorbei. An der Spitze des Betweenness-Rankings lässt sich davon ausgehen, dass sie bei jedem Gespräch – zumindest mit einem Ohr – mit dabei sind und es kaum ein Geheimnis gibt, in das sie nicht eingeweiht worden wären.

Wollen wir demgegenüber weniger gegen verbuddelte Knochen und mehr gegen die verscharrten Atommüll-Tonnen hinter Burns Kraftwerk unternehmen, lohnt sich ein Blick auf die Closeness-Zentralität. Auch hier ist es wieder die junge Generation, die möglichst viele, direkte Beziehungen zu den anderen Stadtbewohner*innen pflegt und sich somit vortrefflich als Agitator*innen für unsere kleine Propaganda-Aktion eignet.

Marge: unsichtbar in der Öffentlichkeit

Abseits dieser kalten Zahlen lässt sich im Netzwerk aber auch mit freiem Auge eine gewisse Struktur erkennen, die uns näheren Aufschluss über das Beziehungsgefüge innerhalb der Kleinstadt liefern kann.

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Abb. 7

Ignorieren wir hier fürs erste die Dominanz der Simpsons, sticht vermutlich als nächstes die unterschiedliche Intensität der Beziehungen zwischen den Akteur*innen (durch die jeweilige Strichstärke angedeutet) ins Auge. Demnach hegt die Kernfamilie einen intensiven Kontakt, wobei besonders Homer und Marge in einer sehr innigen Beziehung stehen. (vgl. Abb.7)

Außerhalb der Familie scheint Homer starke Beziehungen in den Bereich der ‚Arbeit‘ (blau) zu haben, während Bart und Lisa in engem Kontakt zu Akteur*innen aus dem Bereich der ‚Schule‘ (grün) stehen. Dabei sind Barts Beziehungen zu allen Akteur*innen in diesem Cluster nicht nur intensiver als jene von Lisa, zudem scheint er auch in der Sphäre der ‚Arbeit‘ recht engen Kontakt zu bestimmten Akteur*innen gefunden zu haben (so etwa zu Moe). Trotz eines dichten Geflechts von Beziehungen muss Marge demgegenüber als relativ isoliertes Familienmitglied gewertet werden. Im Gegensatz zu den anderen Dreien hält sie außerhalb der Familie zu keinem anderen Cluster wirklich relevante Kontakte aufrecht und kann im Grunde als ein familiäres Anhängsel in den Sphären der Schule und der Arbeit gesehen werden.

Gruppieren wir nun lediglich die zentralsten Akteur*innen nochmals kurz neu, verschieben sich die farblichen Sphären. Im Gegensatz zu den zuvor kurz dargestellten Bereichen, zeigt sich nun eher ein generationaler Bruch zwischen den Akteur*innen: Bart, Lisa, das Schulcluster und die Krusty Show auf der einen Seite (gelb). Homer, Marge und der Ernst des Lebens auf der anderen Seite (blau). (vgl. Abb. 8)

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Abb. 8

Fazit

Da Otto – dem Kreischen der Kinder nach – mit seinem Schulbus grad um den Block zu manövrieren scheint und es nicht mehr all zu lange dauern kann, bis er hier am Busbahnhof einrauscht und mich aufliest, neigt sich wohl auch dieser Analyseausflug langsam seinem Ende zu. Mit etwas Glück bleibt aber noch die Gelegenheit, den bisher geschnürten Analyserucksack nochmal aufzuknoten und vor der Abreise eine kurze Inventur der schönsten Souveniers, die ergattert werden konnten, durchzuführen:

  1. Nachdem wir in der letzten Analysereihe Springfield eher aus einer quantitativen Perspektive kennen lernten, lag der Fokus diesmal stärker auf einer (quantitativ-)qualitativen Ebene: dem Versuch etwas tiefer in die inhaltliche Dimension der Gespräche vorzustoßen. Sowohl die Term Frequency Inverse Document Frequeny, als auch die Sentimentanalyse leisteten dabei unschätzbare Hilfe.
  2. So offenbarte die TFIDF-Analyse zuverlässig die Personenkulte von Sideshow Bob, Patty und Selma oder Mr. Burns.
  3. Ebenso treffsicher identifizierte die Sentimentanalyse mittels AFINN-Score die Polizeistation als Ort äußerst negativer Energien. Nachdem mich Chief Wiggum bei meinem nächtlichen Lauschangriff an seinem Schlafzimmerfenster erwischt und mich ohne zu zögern in die nächste Zelle gesteckt hatte, war das für mich persönlich aber auch keine all zu neue Erkenntnis.
  4. Neben den eher beklemmenderen Erfahrungen meines Aufenthalts im Gefängnis, bot mir die Sentimentanalyse mittels NRC-Kategorisierung hier zumindest die Chance meine Gespräche mit den beiden Mithäftlingen Bart und Sideshow Bob etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Wie sich anhand ihrer Biographie herausstellte, waren die beiden – mehr noch als ich selbst – zur Devianz Genötigte. Opfer eines Systems, das Anerkennung nur den leistungsstärksten zuzusprechen scheint. Leider waren die beiden – anstatt die Gemeinsamkeit ihrer Lage zu erkennen – mehr damit beschäftigt ihre Energien gegeneinander zu richten, als im Miteinander die Grenzen von Knästen und Nachsitzklassen zu sprengen.
  5. Die zahlenmäßig krasse Unterrepräsentation weiblicher Charaktere Springfields spitzte sich durch Interviews und Netzwerkanalyse auf einer inhaltlichen und sozialen Ebene weiter zu. So offenbarte das Gespräch mit der Kernfamilie, dass Marge und Lisa mehr an Haus- und Reproduktionsarbeit gebunden waren, als Homer und Bart. Maggie, das jüngste Familienmitglied, wurde gar nur in den Erzählungen der weiblichen Charaktere an relevanter Stelle erwähnt. Dieses Muster scheint sich auch durch den Abgleich der sozialen Beziehungen zu erhärten. Während Lisa zwar durchwegs schwächere Beziehungen als Bart hat, schafft sie es zumindest im Bereich der Schule relevante Kontakte zur Außenwelt zu etablieren. Genau dies aber gelingt Marge nicht. In ihren außerfamiliären Beziehungen tritt sie im Grunde stets nur als ein (präsentes) Anhängsel ihrer Kernfamilie in Erscheinung. Der ungebremste Optimismus und die überschäumende Freude in Marges Redebeiträgen erscheint vor diesem Hintergrund beinahe wie die Flucht in die Utopie. Die sprachliche Konstruktion einer Gegenrealität, die die eigene, soziale Isolation und die Selbstausbeutung in unbezahlter Reproduktionsarbeit erträglichere erscheinen lässt.
  6. Auch auf die viel diskutierte Frage, um wen sich die Geschichte Springfields nun eigentlich drehe – um Homer oder Bart, boten Sprechakt- und Netzwerkanalyse erste Antworten. Die Serie konzentriert sich nicht auf die Geschichte eines einzelnen Akteurs. Vielmehr handelt sie von der Geschichte zweier Generationen. Geschildert aus der Perspektive ihrer jeweils männlichen Vertreter. Während die Erwachsenengeneration mehr Skriptzeilen und einflussreichere Kontakte aufzuweisen hat, ist die Jugend breiter in der Stadt verankert, hält das eigentliche Informationsmonopol und ist eng verbunden mit dem einflussreichsten Cluster: jenem der Schule.

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